(Berlin, 03.04.2009) Die Lesben und Schwulen in der Union (LSU) betrachten das Ergebnis der Sinus-Milieustudie “Diskriminierung im Alltag” im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) als eine enorme Herausforderung an die Politik, die Interessenverbände, aber auch an die Gesellschaft insgesamt. “Wenn diese repräsentative Untersuchung zu dem Ergebnis kommt, daß 61 % der Befragten sich überhaupt nicht mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen möchten und 27 % der Überzeugung sind, daß weniger, und sogar 43 %, daß überhaupt nichts für Homosexuelle getan werden müsse, so zeigt dieses, daß noch sehr viel Aufklärungsarbeit geleistet werden muß”, so der Bundesvorsitzende der LSU Reinhard Thole.

Homosexuellenfeindliche Einstellungen (Homophobie) zeigen sich laut der Studie schwerpunktmäßig im traditionellen Segment der Gesellschaft, also bei den Konservativen, den Traditionsverwurzelten, aber auch bei der bürgerlichen Mitte und der sogenannten modernen Unterschicht.

Thole sieht insbesondere in den Milieus der bürgerlichen Mitte, der Traditions-verwurzelten und der Konservativen eine Hauptaufgabe für die weitere Aufklärungsarbeit durch die LSU, um Toleranz und Akzeptanz zu fördern. “Wir müssen die Menschen dort abholen, wo sie sind. Das Verhalten von sogenannten „linken Gutmenschen“, die gleich den Antidiskriminierungshammer zücken und den moralischen Zeigefinger heben ist kontraproduktiv. Da machen die Leute gleich zu und fühlen sich in ihren Ängsten und Vorurteilen nur noch bestätigt“, kritisiert der LSU-Bundesvorsitzende.

Viele Menschen im traditionellen Segment der Gesellschaft fühlen sich in die Defensive gedrängt und subjektiv benachteiligt, bedroht oder betrogen. Daß sich diese Empfindungen objektiv nicht belegen lassen, spielt dabei keine Rolle. Es zeugt aber davon, daß man die Menschen nicht mitgenommen, sie überfordert und ihnen nicht die Zusammenhänge erklärt hat.

„Wir als LSU plädieren für ein selbstbewußtes, aber nicht selbstgerechtes Auftreten in bürgerlich-konservativen Milieus wie beispielsweise in den Kirchen, der Bundeswehr, Wirtschaftsverbänden und Handwerksinnungen, Studenten-verbindungen, Schützenvereinen und Schrebergärten. Wir dürfen uns nicht mehr verstecken, sondern müssen uns offen und zugänglich zeigen. Wir lassen uns nicht mehr nur in die Privatsphäre entsorgen. Sexuelle Identität ist grundsätzlich ebenso wie Religion eine öffentliche Sache”, konstatiert Thole.

Thole zeigt sich überzeugt, daß nur über den Weg der Öffentlichkeit das Thema “sexuelle Identität” bzw. Homosexualität die unterstellte Anrüchigkeit in Teilen der Gesellschaft verliert. “Was mich aber zutiefst bestürzt und wütend macht und wo ich dringenden Handlungsbedarf sehe, ist die geschürte Assoziation von Homosexualität mit Pädophilie und Kinderprostitution – das geht gar nicht!”, unterstreicht Thole.

So richtig die Aussage ist, daß sich Antidiskriminierung letztlich nicht von der Politik “per ordre de Mufti” verordnen läßt, sondern von den Menschen selbst aus sich herauskommen muß, so wichtig und unerläßlich ist es aber auch, daß der Staat einen gewissen Rahmen vorgibt und Benachteiligungen durch Förderungen (positive Diskriminierung) versucht auszugleichen. „Daher setzt sich die LSU auch weiter für eine rechtliche Anpassung bzw. Gleichstellung von Lebenspartnerschaften mit der Ehe ein. Wie wichtig solche Regelungen sind, hat erst unlängst die Reform des Opferentschädigungsgesetzes gezeigt, indem der Schutzbereich jetzt auch auf Lebenspartner ausgeweitet worden ist. Benachteiligungen gibt es allerdings nach wie vor z. B. im Einkommensteuerrecht und im Adoptionsrecht.“, so Thole.

Letztlich muß aber auch die Antidiskriminierungsstelle des Bundes stärker ihre Rolle als Ombudsmann verstehen und professioneller kommunizieren. Wenn mehr als 3/4 der Befragten die Existenz der ADS gar nicht bekannt ist, muß die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit konsequent und nachhaltig ausgebaut werden, um die breite Öffentlichkeit zu sensibilisieren.

Der Abschlußbericht zum Forschungsprojekt „Diskriminierung im Alltag. Wahrnehmung von Diskriminierung und Antidiskriminierungspolitik in unserer Gesellschaft“ der Sinus Sociovision im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (Heidelberg Juli 2008) ist am 2. April 2009 in Berlin vorgestellt worden. Er kann über die ADS bezogen werden.