Seit 1988 wird jedes Jahr am 11. Oktober der Coming-out Day begangen. Dadurch soll herausgestellt werden, wie immens wichtig das persönliche Coming-out ist und was für ein tiefer und folgenreicher Einschnitt es im Leben sein kann. Außerdem soll der Tag mit verschiedenen Aktionen dazu beitragen, ein Umfeld zu schaffen, indem LSBTIQ offen leben und sie selbst sein können. Dass das gar nicht so einfach ist erleben noch immer all zu Viele in der Schule, bei der Arbeit, in der Familie, im Freundeskreis, im öffentlichen Raum oder in Vereinen. Ihnen begegnen Formen von Diskriminierung, die sich in einer ganzen Bandbreite ausdrücken können, die von Blicken und Bemerkungen, “Witzen”, tradierten Klischees und Vorurteilen, über Beleidigungen, Beschimpfungen, den Ausschluss aus sozialen Kontexten, rechtlicher und gesellschaftlicher Benachteiligung bis hin zur Androhung beziehungsweise Umsetzung von Sachbeschädigung und körperlicher Gewalt reicht.

Alexander Vogt, Bundesvorsitzender der LSU (Lesben und Schwule in der Union) will anlässlich des diesjährigen Coming-Out Day vor allem auf das geoutet sein im öffentlichen Raum aufmerksam machen: “Im öffentlichen Raum sind LSBTIQ nach wie vor am stärksten unter Druck und sehen sich einem fragilen und häufig paradoxen Verhältnis zwischen eigener Freiheit und eigener Sicherheit ausgeliefert. Wenn zum Beispiel beim Spazieren das Händchen halten mit dem eigenen Partner oder der Partnerin zum Angriffspunkt wird, weil man sich damit als gleichgeschlechtliches Paar outet und aufgrund dessen Beleidigungen, Beschimpfungen oder gar Gewalt erleben muss, stellt sich eben für Viele die Frage ob sie der eigenen Sicherheit wegen darauf lieber verzichten. Dass Menschen somit ihre eigene Freiheit einschränken müssen, darf im Jahr 2021 einfach nicht mehr sein.”

Letztes Jahr veröffentliche die EU-Grundrechte-Agentur die Ergebnisse ihres zweiten großen LSBTIQ-Surveys. 13 Prozent der rund 16.000 Befragten aus Deutschland gaben an, dass sie in den letzten fünf Jahren gewalttätig angegriffen wurden, weil sie LSBTIQ sind. Beinahe jede zweite Person vermeidet es oft oder immer, mit dem Partner oder der Partnerin in der Öffentlichkeit Händchen zu halten. Besonders groß wird die Bedrohung durch Anfeindungen auf der Straße und im Öffentlichen Nahverkehr erlebt. 24 Prozent aller Befragten meidet aus Angst vor Gewalt oft oder immer bestimmte Orte und Plätze. Aus Sicht der LSU ist es deshalbgrundlegend wichtig das Thema Hassgewalt gegen Lesben, Schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen auf die innenpolitische Agenda zu setzen, um polizeiliche Erfassungsmethoden zu reformieren, die Sensibilisierung und Qualifizierung im Bereich der Aus- und Fortbildung von Polizeibediensteten und Justizbeschäftigten zu forcieren und gezielte Maßnahmen zur Erhöhung der Anzeigebereitschaft zu ergreifen.

In der LSU befasst sich die AG “Respekt und Akzeptanz” mit dem Thema Diskriminierung im öffentlichen Raum und sieht hier z. B. einen Ansatz in der baulichen und sozialräumlichen Gestaltung von Orten und Plätzen. “Die Fragen mit denen wir uns aktuell auseinandersetzen sind zum einen die soziale Frage, also welche Regeln es im öffentliche Raum braucht, damit möglichst viele und unterschiedliche Menschen sich gemeinsam frei und sicher fühlen können. Da spielt auch städtische Sicherheits- und Ordnungspolitik eine Rolle, aber auch die gestalterische Frage: Wie kann ein Ort oder Platz im öffentlichen Raum auch baulich oder gestalterisch zum Safe(r) Space für LSBTI entwickelt werden?”, erklären Kathrin Schmidt und Klaudia Kazuch als Vertreterinnen der AG. Die AG-Mitglieder Arun Dasgupta und Thomas Schmitt unterstreichen: “Gerade größere Städte können unter Einbindung ihrer Queer-Beauftragten oder LSBTI-Beauftragten und der städtischen Bauverwaltung Mut zu Innovationen zeigen. Dafür braucht es aber vielleicht mehr als schwule und lesbische Ampelpärchen, das Aufstellen von Regenbogen-Bänken oder die Ausweisung von Vielfalt-Parkplätzen wie kürzlich in Hanau. Wir sehen das als eine spannende Aufgabe für kommunale Vielfalts- und Antidiskriminierungspolitik, mit der wir als LSU im Dialog mit städtischen Queer- und LSBTI-Beauftragten in den nächsten Monaten konkrete Vorschläge entwickeln wollen.”