Lesben und Schwule in der Union würdigen Einsatz des Kirchenpräsidenten von Hessen und Nassau für Gleichberechtigung und gesellschaftliche Akzeptanz

 

Der Kirchenpräsident der Evangelischen Kirche von Hessen und Nassau ist der dritte Preisträger des LSU-Ehrenpreises für Toleranz, Akzeptanz und Aufklärung. Der Bundesvorsitzende der Lesben und Schwulen in der Union (LSU), Alexander Vogt, überreichte den Preis Dr. Jung im Rahmen des Parlamentarischen Jahresempfangs seines Verbandes am Donnerstagabend in Berlin. Vogt begründete die Entscheidung damit, dass der Kirchenpräsident „durch sein Reden und Wirken immer wieder dezidiert für die Rechte und gesellschaftliche Akzeptanz homosexueller Menschen eingetreten ist“. Vor allem habe er dies durch seine Mitarbeit in der Ad-Hoc-Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) gezeigt, die den Text „Zwischen Autonomie und Angewiesenheit. Familien als verlässliche Gemeinschaft stärken“ 2013 veröffentlicht und damit zu einer intensiven Debatte angestoßen habe.

„Die Schlüsse, die viele christliche Kirchen und ihre Amtsvertreter bis heute in Bezug auf Homosexualität ziehen, beruhen auf einer Vorstellungswert, die längst nicht mehr unserem heutigen Wissensstand entspricht“, erklärte der LSU-Vorsitzende in seiner Laudatio. „Davon heben Sie sich als Person, die evangelische Landeskirche von Hessen und Nassau und immer mehr Vertreter der Evangelischen Kirche in Deutschland wohltuend ab. Denn selbstverständlich geht es nicht mehr nur darum, die Ehe als Verbindung zur Fortpflanzung des Menschen anzuerkennen, sondern auch die verbindliche Liebe zwischen Menschen gleichen Geschlechts als eine erfüllende und ganzheitliche Liebe, die von Treue und Fürsorge geprägt ist, anzuerkennen. Dafür danken wir Ihnen!“

Kirchenpräsident Dr. Volker Jung hob in seiner Dankesrede hervor, dass es wichtig sei, weiter dafür einzutreten „Homosexualität als eine gute Prägung von Menschen zu akzeptieren, die wie Heterosexualität verantwortlich gelebt werden kann“. Dabei gehe es „um nichts weniger als um die Menschenwürde“, so Jung. Nach seinem Verständnis sei „der Kirche vom Kern ihrer Botschaft her ein besonderer Blick auf diejenigen aufgetragen, die in irgendeiner Weise an den Rand gedrängt und diskriminiert werden“. Das hieße im Bezug auf die Homosexualität, in der Gesellschaft immer wieder neu die Frage danach zu stellen, „was getan werden muss, dass eine Minderheit nicht diskriminiert wird und Leid verhindert wird“. Dazu gehöre auch die Frage nach der Gestaltung einer „Rechtsform, die dabei hilft, eine Partnerschaft unabhängig vom Geschlecht verlässlich, verbindlich, dauerhaft und in gegenseitiger Verantwortung zu leben“.

Der Kirchenpräsident ging in seinem Beitrag auch auf aktuelle Entwicklungen wie die Flüchtlingsfrage oder Islamkritik ein, die er in einen Zusammenhang mit der öffentlichen Debatte um die Gleichberechtigung Homosexueller stellte. Vielfach werde von den Kirchen in diesen Fragen Aussagen zur Abgrenzung verlangt. Jung spreche sich aber „für die Offenheit gegenüber Flüchtlingen und eine Begegnungskultur mit dem Islam“ sowie gegen Diskriminierung und für die gegenseitige Akzeptanz von Menschen aus. Jung wolle damit bewusst denen entgegentreten, „die sich in Talkshows und Interviews ein bisschen mehr ‚Kreuzzugsrhetorik‘ wünschen“. Jung: „Ich werbe für das Gespräch. Ich werbe für die Begegnungen – von Mensch zu Mensch“. Er wolle damit „dem Weg folgen, den Jesus gewiesen hat und der von der Liebe, ja sogar von Feindesliebe sprach“, erklärte Jung.

In einer Video-Botschaft überbrachte auch die stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Julia Klöckner ihre Grüße zum Jahresempfang der LSU und betonte, dass die LSU selbstverständlicher Teil der Christlich-Demokratischen Union sei. Man könne über unterschiedliche politische Konzepte und Wege streiten, aber: „Worüber wir nicht streiten, weil es dort nichts zu deuten gibt, ist, dass jeder gleich viel wert ist, dass jeder ein Recht auf seine Selbstbestimmung hat, auf Akzeptanz, auf Toleranz, aber vor allen Dingen auch auf Respekt“. Sie dankte daher der LSU für ihre Arbeit und ihr Engagement. Vor allem dankte sie aber auch Kirchenpräsident Dr. Jung und würdigte dessen Engagement: „Wenn die Kirche, wenn ein Kirchenpräsident ein Zeichen setzt, dann ist das nicht nur ein Zeichen für einen inneren Kreis, dann ist das auch ein Zeichen für einen weiteren Kreis. Denn Vorbilder, die die richtige Sprache sprechen und die Menschen ansprechen, solche Vorbilder brauchen wir alle – zumindest Menschen, die vorangehen. Und für dieses Vorangehen erhalten sie heute den LSU-Ehrenpreis.“

Kurz vor dem 25. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung fand der Empfang am Donnerstagabend in unmittelbarer Nachbarschaft zum Brandenburger Tor – dem Symbol deutscher Teilung und Einheit – in der Hauptstadtrepräsentanz der Commerzbank AG am Pariser Platz statt. Rund 120 Gäste konnte der Bundesvorsitzende Alexander Vogt begrüßen, darunter neben zahlreichen Mitgliedern auch viele Vertreter der Medien und der LSBTIQ-Community sowie etliche Bundestags- und Europaabgeordnete.

Der LSU-Ehrenpreis wird alle zwei Jahre verliehen. Erste Preisträgerin im Jahr 2011 war die frühere Bundestagspräsidentin und Bundesgesundheitsministerin Prof. Dr. Rita Süssmuth, die für ihre langjährigen Verdienste um gesundheitliche Aufklärung und im Kampf gegen HIV und AIDS gewürdigt wurde. Vor zwei Jahren zeichnete die LSU die so genannten „Wilden 13“ – eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten der CDU/CSU – aus, die sich innerhalb ihrer Fraktion und öffentlich für die steuerliche Gleichstellung von eingetragenen Lebenspartnerschaften mit der Ehe eigesetzt hatten.

Der LSU-Ehrenpreis ist mit 1000 Euro dotiert. Preisträger Dr. Jung wird ihn einer Familienberatungsstelle in seinem Kirchengebiet spenden.

Pressemitteilung als PDF: 15-10-03_PI LSU-Jahresempfang mit Verleihung des LSU-Ehrenpreises an Dr. Volker Jung