CDU-Generalsekretär Peter Tauber will seine Partei reformieren – und künftig auch Homosexuelle besonders ansprechen. Alexander Vogt ist Vorsitzender der Gruppe Lesben und Schwule in der Union (LSU) und spricht mit Stefan Lakeband über eine Zeit in der Partei, als seine Anrufe nicht beantwortet wurden, und erklärt, warum man als Homosexueller überhaupt zur CDU geht.

„Man bekommt breite Schultern“

Herr Vogt, zum ersten Mal durften Sie den Jahresempfang der LSU in der Parteizentrale im Konrad-Adenauer-Haus abhalten. Sind Homosexuelle jetzt in der Mitte der Partei angekommen?

Alexander Vogt: Wenn Sie sich anschauen, wo Homosexuelle schon heute in der Partei tätig sind, ja. Trotz allem gibt es noch Vorbehalte, wie überall in der Gesellschaft. Die unterschwelligen Vorbehalte sind nicht weg. Ich vergleiche das immer mit Rassismus. Der ist auch verboten, aber man wird ihn nie ganz abschaffen können.

Generalsekretär Peter Tauber will die Partei „bunter, jünger und weiblicher“ machen. Ärgert es Sie, dass ihre Gruppe erst durch die Reform Beachtung findet?

Ich ärgere mich nicht, dass es erst jetzt passiert, sondern ich freue mich, dass es passiert. Ernst genommen werden wir ja schon, und die Zeit des Belächelns ist vorbei. Aber natürlich ist nicht jeder auf unserer Linie.

Oder ist das Ganze vielleicht nur Kosmetik? Schließlich wurde die Gleichstellung von Homosexuellen im Koalitionsvertrag weitestgehend außer Acht gelassen.

Wir müssen abwarten, was da noch kommt. Es sind nicht nur die Adoption und das Wörtchen „Ehe“, an denen noch geschraubt werden muss, sondern auch Themen allgemeinerer Natur. Es gibt durchaus Stadtviertel, in denen ich nicht Hand in Hand mit einem Mann langgehen könnte, ohne dass etwas passiert. Da gibt es noch viel Arbeit. Und ich glaube, dass der Generalsekretär es wirklich ehrlich meint. Dass es ihm ein Herzensanliegen ist und wir mit ihm einen starken Verbündeten haben.

Warum geht man als Homosexueller überhaupt zu einer Partei, die den eigenen Lebensentwurf nicht unterstützt?

Ich bin in einem relativ schwarzen Milieu im Münsterland groß geworden und hatte dadurch eine große Affinität zur CDU. Und als ich knapp 1,5 Jahre nach dem Parteieintritt merkte, dass es die LSU gibt, die sich für meine Interessen einsetzt, habe ich mir gesagt: Da machst du mit. Erst nur als normales Mitglied, ab 2003 auch mit dem ersten Amt. Mit der CDU habe ich einfach die größte Deckungsgleichheit bei den anderen Themen, die mir wichtig sind.

Sie sind vor 15 Jahren der CDU beigetreten und haben sich etwa zur gleichen Zeit geoutet. Haben Sie damals viele Anfeindungen erlebt?

Nein, eigentlich gar nicht. Ich war ja nur ein kleines Parteimitglied. Anfang der 2000er-Jahre war es aber tatsächlich schon schwierig. Da wurden wir belächelt, und die Leute haben uns Partyvögel genannt. Mit uns wollte man nicht unbedingt reden, Anrufe wurde nicht beantwortet. Wir waren die Schmuddelkinder.

Sehen Sie denn einen Unterschied zwischen der CDU im ländlichen Raum und in den Großstädten?

Den gibt es, aber natürlich sind auch Ausnahmen möglich. Ich komme selbst aus dem ländlichen Raum und habe da eine offene und tolerante CDU kennengelernt. Sie können auch in der Großstadt auf Borniertheit und Intoleranz treffen. Im Großen und Ganzen ist man beim Thema Gleichstellung in den Städten aber weiter.

Die LSU war aber nicht nur in der eigenen Partei verpönt. Auch bei vielen Schwulen und Lesben war sie nicht sonderlich beliebt. Sie galt als Verräter.

Oh ja. Das waren vor allem die ersten Jahre, als wir beispielsweise bei den Christopher-Street-Days unsere Stände hatten. Die gingen uns ganz schön hart an. Da gab es Sprüche wie: Ihr seid wie die Kälber, die sich ihren Schlachter selbst aussuchen. Das hat sich aber komplett verändert. Wenn es jetzt noch Probleme gibt, dann sind sie lokaler Natur. Um große Meinungsverschiedenheiten geht es nicht mehr.

Wie war es denn, zwischen den beiden Stühlen zu sitzen und kein richtiges Zuhause zu haben?

Es hat mich ganz schön mitgenommen, aber man bekommt breite Schultern. Für mich war klar: Ich bin vor allem Christdemokrat und da muss ich durch. Die einzige Richtung, bei der die Partei falsch liegt, ist für mich die Gleichstellungspolitik. Und wenn man das für sich klargemacht hat, blendet man die anderen Sachen aus.

Die Vorsitzende der Christdemokraten für das Leben (CDL), Mechthild Löhr, glaubt, dass Homosexuelle nicht mehr diskriminiert werden und …

… das ist natürlich Unsinn. Offene und unverdeckte Diskriminierung gibt es noch zuhauf, selbst bei mir in Frankfurt. Das Zitat ist aus einem Zusammenhang, in dem Frau Löhr kritisch auf unseren Empfang im Adenauer-Haus geschaut hat. Mit ihrer CDL hat sie das noch nicht gemacht, aber ich bin mir sicher, dass ihr die Tür offen steht.

Macht Sie das traurig, solche Behauptungen von einer Parteikollegin zu hören?

Nein, gar nicht. Ich kenne Frau Löhr und mag sie auch. Wenn ich sie auf dem Parteitag sehe, werde ich aber mit Sicherheit mit ihr darüber reden. Wir müssen doch innerhalb unserer Partei keine künstlichen Gegensätze aufbauen.

Die CDU hat sich zu einer Frauenquote und dem Mindestlohn breitschlagen lassen. Bei der Gleichstellung von Homosexuellen rückt sie aber nicht vom konservativen Profil ab.

Unsere große Sorge ist es, dass wir das Feigenblatt sein müssen, das für den konservativen Markenkern herhalten muss. Das ärgert mich. Auch viele andere LSU-Mitglieder haben die Sorge, dass die Mutterpartei ihr konservatives Profil an der Haltung zu uns zeigen möchte. Es wird aber auch keinen Schritt zurück geben. Bei Dingen wie dem Adoptionsrecht oder der Ehe für alle müssen wir aber wohl auf das Verfassungsgericht warten. Das finde ich ein bisschen beschämend. Politik soll nicht nur reagieren, sondern auch gestalten.

Zur Person

Alexander Vogt ist seit 1999 Mitglied in der CDU und seit 2010 Bundesvorsitzender der Lesben und Schwulen in der Union (LSU). Im Hauptberuf arbeitet er als Banker in Frankfurt am Main.

02.11.2014 – Quelle weser-kurier.de